Aus­ga­be 9 • 2008

Karls­ru­her Krisenmanagement 

Editorial

Erin­ne­run­gen an das Mit­tel­al­ter der Märkte
Wenn sich in frü­he­rer Zeit Män­ner zum Pfer­de- oder zum Vieh­markt tra­fen, kamen da Leu­te zusam­men, die alle wuss­ten, wie es geht. Die Käu­fer und die Ver­käu­fer waren Käm­pen vom sel­ben Schlag. Die feil­ge­bo­te­ne Ware Tier war bekannt. Auch ihr Wert. Trotz­dem wur­de natür­lich gemau­schelt. Der eine hat­te sei­nem hib­be­li­gen Hengst darm­schwe­ren Hafer ver­passt, um sein stei­les Tem­pe­ra­ment zu dämp­fen, der ande­re hat­te sei­ner lah­men Stu­te die Nüs­tern gepfef­fert, um sie agil am Zaum­zeug zu zei­gen. Die­se klei­nen Ross­täu­sche­rei­en stör­ten frei­lich nicht, da der gesun­de Men­schen­ver­stand regier­te. Die preis­re­le­van­te Alters­prü­fung fand durch Zahn­be­schau der Zos­sen statt. Zun­ge weg, mit einem Griff ins Maul, kraft eige­ner Kom­pe­tenz, im Kopf ein aku­tes Pro­blem sei­nes Hofes. Geschäf­te waren unmit­tel­bar und dien­ten gegen­wär­ti­gem Nut­zen. In einer boden­stän­di­gen, bedarfs­ori­en­tier­ten Land­wirt­schaft wur­de Zukunft damals noch vom lie­ben Gott gemacht. Die Men­schen wuss­ten das. Ihr größ­ter Feind war die Unbill des Wet­ters, das heu­te ja Kli­ma heißt. Der Radi­us von Han­del und Wan­del war eng, aber bere­chen­bar. Bau­ern­re­geln gal­ten als ver­läss­li­che Pro­gno­sen. Wenn der zu tro­cke­ne Som­mer einen traf, traf er auch sei­ne Wett­be­wer­ber. Folg­lich abso­lu­te Chancengleichheit.

Was es noch nicht gab, war die Stand­ort­ri­si­ko­flucht durch dezen­tra­le Ver­meh­rung von Pro­duk­ti­on und Ver­trieb, neu­deutsch Glo­ba­li­sie­rung, zumal in fer­ne, stark unter­ver­sorg­te Regio­nen, neu­deutsch »Emer­ging Mar­kets«. Die Gil­de der Ana­lys­ten war noch gar nicht gebo­ren. Zah­len waren noch nicht das ein­zi­ge Maß der Din­ge, son­dern die Din­ge erklär­ten sich dem Kun­di­gen selbst. Öhis auf der Alm kamen ohne Tabel­len­kal­ku­la­ti­on und High-Speed-Inter­net aus. Dem Rahm im Bot­tich war das egal, auch dem Tal, das den natur­na­hen Käse spä­ter auf Voll­korn ver­strich. Seli­ge Zei­ten. Der Wohl­stand war viel­leicht limi­tiert, doch dem Tüch­ti­gen gehör­te sei­ne klei­ne Welt. Im Hand­werk und im Gewer­be das­sel­be. Die Indus­tria­li­sie­rung bedeu­te­te dann den Quan­ten­sprung, aller­dings auch im Hin­blick auf ganz neue Steue­rungs­pro­ble­me, die Auf­trags­ge­win­nung, Res­sour­cen­ein­satz, Lager­hal­tung, Absatz­pla­nung, Finan­zie­rung und Amor­ti­sie­rung betra­fen. Die unter­neh­me­ri­schen Mög­lich­kei­ten, Geld zu ver­die­nen, nah­men erfreu­lich zu, wäh­rend lei­der kei­ne ewi­ge Gewähr für gesun­des Wachs­tum mit erfun­den wur­de. Inves­ti­tio­nen in rei­ne Men­gen­ver­meh­rung sind dem­nach ein wenig wie Bume­rangs. Wenn es in der Spit­ze toll läuft, hat man immer noch zu wenig Bän­der, wenn es plötz­lich klemmt, wür­gen die Über­ka­pa­zi­tä­ten. Das rech­te Maß zu fin­den, ist wohl die Kunst. Dazu zählt eine ver­nünf­ti­ge Zurück­hal­tung, nicht jeden Hasen zu jagen, des­sen Blu­me blitzt.

Inso­fern fällt die Vor­her­sa­ge für die nächs­ten Mona­te leicht: Der Rea­li­täts­schock wird hef­tig sein. Die Grün­de für die Finanz­kri­se und die extre­men Umsatz­ein­brü­che, die Schlüs­sel­bran­chen tref­fen, sind im Blind­flug jah­re­lan­ger Bilanz­ope­ra­tio­nen zu suchen, bis der Pati­ent »auf dem Tisch« ver­starb. Soll hei­ßen: Bis die bör­sen­no­to­risch benö­tig­ten Erfolgs­mel­dun­gen über­haupt kei­ne Basis mehr im Kon­zern­le­ben hat­ten. Es ist doch nicht wahr, dass ein boo­men­der Welt­markt in Frie­dens­zei­ten die Nach­fra­ge über Nacht so ein­bre­chen lässt! Viel eher waren viel zu vie­le Vor­rats­fäs­ser, die in den Büchern als nicht mehr vor­han­den stan­den, halt noch da und so voll, dass sie über­lie­fen. Wie trä­ge etwa der deut­sche Ver­brau­cher ist, hat er doch gera­de erst gezeigt, als er sein Erspar­tes treu auf den Kon­ten ließ, wäh­rend die Invest­ment­ban­ken in den USA implo­dier­ten und deut­sche Töl­pel­in­sti­tu­te in Serie Sub­stanz ver­brann­ten. Wür­den die rei­chen Staa­ten die unlau­te­ren Wech­sel nun nicht mit obs­zö­nen Sum­men neh­men, wären gleich meh­re­re der müh­sam ver­kleb­ten Bla­sen geplatzt. Nur fet­te Jah­re ste­hen nicht im Schöp­fungs­plan, auch nicht für Ban­ken, »Hedge-Fonds« und Sportwagenschmieden.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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