Aus­ga­be 7/8 • 2008

Bedürf­ti­ge aller Orten

Editorial

Zur Neu­erschaf­fung der Sozia­len Marktwirtschaft
Poli­ti­ker hei­len die Welt. Wer hät­te das gedacht? Gera­de die im Zei­chen des Neo­li­be­ra­lis­mus ent­mach­te­te Kas­te, die als Gegen­frak­ti­on der Finanz­kri­sen­kö­ni­ge galt. Und wahr­schein­lich ist es auch zu viel ver­mu­tet. Was sie tun, ist etwas ande­res. Sie besor­gen gegen­wär­tig Zeit und vor allem reich­lich Geld, das meis­te in Form gigan­ti­scher Garan­tien. Das ist die Sor­te süßer Schul­den, die nicht gleich sau­er auf­sto­ßen kann. Der Staat ist zwar nicht mehr der Herr sei­ner Mit­tel, aber er fühlt sich noch so. Das Prin­zip Hoff­nung regiert, dass es zum Ader­lass nie kommt. Alles wei­ter­ge­tanzt! Haupt­sa­che, dass der Zahl­tag zuver­läs­sig in der Zukunft liegt! Im Grun­de genom­men der­sel­be Taschen­spie­ler­trick der Zer­ti­fi­ka­te­zo­cker, die sich ges­tern erst bil­lio­nen­schwer mit ihren unge­deck­ten Schecks auf Schein ver­ho­ben haben. Avan­ti dil­le­tan­ti! Die Mut­ter aller kapi­ta­lis­ti­schen Übel hat die glo­ba­len Märk­te erfasst. Ihr Vor­na­me ist Wert­ver­nich­tung, ihr Nach­na­me heißt Rezes­si­on. Die unge­schröpf­ten Kon­su­men­ten, die noch kau­fen könn­ten, war­ten ab, was kommt, und die armen Klein­an­le­ger, die das Toll­wut­wort »Akti­en­kul­tur« naiv zu wört­lich nah­men, hal­ten ihre noch nicht ver­glüh­te Rest­koh­le zusam­men. Die Bän­der ste­hen still, Kern­bran­chen kni­cken auf allen Kon­ti­nen­ten ein, Leih- und Zeit­ar­bei­ter zah­len schon die Zeche. Machen wir uns nichts vor: Es kracht im Gebälk der Indus­trie­na­tio­nen und es könn­te bers­ten. Oba­ma übri­gens, was soll der gute Mann denn dem­nächst machen? Er wur­de als Mes­si­as erko­ren, aber er müss­te wohl schon ein leib­haf­ti­ger Mes­si­as sein.

Was darf man von den allent­hal­ben fett geschnür­ten Ret­tungs­pa­ke­ten erwar­ten? Wem oder wel­chen inter­es­sier­ten Krei­sen wird denn der vor­sätz­lich her­bei­ge­führ­te Infarkt erspart? Was soll das bedeu­ten, es müs­se um jeden Preis Ver­trau­en dar­ge­stellt wer­den, dass sich Insti­tu­te aller Art am Finanz­platz Erde wie­der in grö­ße­ren Tran­chen gegen­sei­tig Ein­la­gen lei­hen? Wie ist denn die­ser Begriff basiert? Ver­trau­en dar­auf, dass der Ban­kenzas­ter zur Ergau­ne­rung von Mond­ren­di­ten auch wei­ter­hin nicht seri­ös gehand­habt, aber von Steu­er­zas­ter gedeckt sein wird, bis die­ser theo­re­tisch unver­sieg­ba­re Nach­schub schließ­lich auch zur Nei­ge geht? Wäre es da nicht klü­ger, die eine Angst vor einem Kapi­tal­schnitt, der erst die Bla­sen­ma­cher, dann ihre After­sas­sen und dann die All­ge­mein­heit trifft, und die ande­re Angst vor galop­pie­ren­der Geld­ent­wer­tung in Löwen­mut zur Bekämp­fung der mora­li­schen Kor­rup­ti­on des kaput­ten vir­tu­el­len Pseu­do­wert­schöp­fungs­sys­tems zu ver­wan­deln? Die gan­zen Schrott­pa­pie­re, die noch ton­nen­wei­se auf Ter­min in den Tre­so­ren aller mög­li­chen Neun­mal­klu­gen lie­gen, zei­gen heu­te, mor­gen und über­mor­gen doch bloß an, dass ihre Emit­ten­ten, ihre Händ­ler und ihre hof­fent­lich letz­ten Besit­zer vie­le geknif­fen haben, bevor sie nun selbst geknif­fen sind. So what?

Tat­säch­lich könn­te man sich doch bit­te mal an den Sinn der Sache erin­nern. Lud­wig Erhard woll­te nicht, dass sich Kapi­tal unkon­trol­liert kon­zen­triert, ver­mehrt, ver­selb­stän­digt und zu dubio­sen Zwe­cken gegen Zie­le des Gemein­wohls wen­det. In die­sem Sin­ne führ­te die Sozia­le Markt­wirt­schaft eine kol­lek­ti­ve Zwangs­ver­nunft ein, die durch das stän­di­ge Neu­ver­tei­len zu hoher Über­schüs­se Ein­zel­ner für Chan­cen­aus­gleich sorgt. Inso­fern soll­te es jetzt auch weni­ger um stren­ge­re Regu­lie­run­gen als um die Renais­sance von Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein gehen.

Und sonst? Frau K., eine der reichs­ten deut­schen Unter­neh­me­rin­nen, fiel einem halb­sei­de­nen Gigo­lo um den Hals und ver­lor wegen kom­pro­mit­tie­ren­den Bild­ma­te­ri­als ihrer pri­va­ten Eska­pa­den zumin­dest tem­po­rär ein paar Mil­lio­nen. Herr M., einer der reichs­ten deut­schen Unter­neh­mer, ver­schoss offen­bar ohne Kern­kom­pe­tenz gut tau­send Mil­lio­nen mit win­di­gen Wet­ten auf sin­ken­de Akti­en­kur­se von VW. Bei­des bedenk­lich. Mir jeden­falls scheint es noch so.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

Scroll to Top Cookie Consent mit Real Cookie Banner