UMAG-05-06-2019_Cover

Aus­ga­be 5/6 • 2019

Jeder wird gebraucht… 

Editorial

Ziem­li­che Über­for­de­rung der eige­nen Unfehlbarkeit
Unter­neh­mer kön­nen alles. Das war schon immer so, doch es meh­ren sich die Anzei­chen dafür, dass die­se genui­ne Gene­ral­kom­pe­tenz an ihre Gren­zen sto­ßen könn­te, zumin­dest wenn es um die gleich­zei­ti­ge zügi­ge Abar­bei­tung meh­re­rer gro­ßer Her­aus­for­de­run­gen geht. Wir sind ja kei­ne Quan­ten­com­pu­ter und haben, ehr­lich ein­ge­stan­den, mit­un­ter durch­aus Bedarf, unse­re men­ta­len Algo­rith­men erst ein paar­mal an klei­ne­ren Pro­jek­ten zu ver­pro­ben, bevor wir mit ihnen an die wirk­lich wich­ti­gen Sachen gehen. Das aber dau­ert inzwi­schen schlicht zu lang. Wenn die Maschi­nen und die Pro­zes­se immer schnel­ler wer­den, müs­sen wir auch als Men­schen auf die Über­hol­spur gehen. Bloß wie? Wir sind ja noch nicht gechipt und kau­fen auch nicht ohne wei­te­res 64 Giga­byte für unser Gedächt­nis und 4 Ter­ra­byte Gehirn­ka­pa­zi­tät nach, um unse­ren Gedan­ken­fluss by the way etwas zu beflügeln.Die Unter­neh­mens­füh­rung ist schwie­ri­ger gewor­den, und zwar unter
zwei Aspekten:

Die Ent­schei­dungs­fin­dung geht nicht mehr zack­zack, weil die neu­en Kom­ple­xi­tä­ten in einem län­ge­ren seriö­sen Fil­ter- und Trich­ter­spiel redu­ziert wer­den müs­sen, wäh­rend das Con­trol­ling der Inves­ti­tio­nen in die Per­for­mance durch IT-Sys­te­me und sei­ne Mit­ar­bei­ter nach einer Fähig­keit ver­langt, die nor­ma­ler­wei­se auch nicht ange­bo­ren ist, näm­lich tau­sen­de Details zu erken­nen und im Kopf zu ver­wal­ten, weil sie im Zusam­men­spiel der Soft­ware mit ihren Anwen­dern im eige­nen Haus abso­lut erfolgs­kri­tisch sind. Je auto­ma­ti­sier­ter die elek­tro­ni­schen Hel­fer­lein wer­den, Bei­spiel: »Ich räu­me gera­de Ihren Desk­top auf und ent­fer­ne, was Sie nicht mehr brau­chen«, um so mehr kommt kei­ne Spit­zen­kraft mehr dar­um her­um, einen per­ma­nen­ten Alarm­zu­stand zu fah­ren, um das Eigen­le­ben sei­ner Werk­zeu­ge und sei­ner Teams nach­zu­voll­zie­hen. Die digi­ta­len Arbeits­mit­tel schie­ben sich mit ihren Anspra­che- und Aus­füh­rungs­rou­ti­nen in den Neben­mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit, wobei Ham­mer und Mei­ßel frü­her halt noch so gedul­dig waren, auf den Zugriff von Meis­ter Metz zu war­ten. Der konn­te sich auf die Beschrif­tung des Steins fokus­sie­ren und hat­te noch kei­ne graue Zel­le abzu­stel­len, um sei­nem Keil zu folgen.

Tat­säch­lich hat es noch kein his­to­ri­sches Momen­tum gege­ben, in dem so viel auf ein­mal von Unter­neh­men gefor­dert wor­den ist, um ihre Zukunfts­fä­hig­keit zu sichern. Wir reden von der Trans­for­ma­ti­on in der Wirt­schaft, kon­kret auch von der »Indus­trie 4.0«, eine Bau­stel­le mit vie­len Unbe­kann­ten, zumal eine Men­ge Imple­men­tie­run­gen und Erwei­te­run­gen im lau­fen­den Betrieb erfol­gen. Wir ler­nen nun »New Work« und hören von den Anbie­tern spe­zi­el­ler Soft­ware, von Archi­tek­ten, Raum­ge­stal­tern, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­ten, Psy­cho­lo­gen und Bera­tern, dass die Beleg­schaf­ten seit jeher hung­rig sind, sich an Schalt­stel­len des Wert­schöp­fungs­ge­trie­bes in eige­ner Ver­ant­wor­tung noto­risch krea­tiv, agil und wei­sungs­frei nach eige­nem Dün­ken, das in auto­no­men Mee­tings abge­seg­net wird, vom Joch des alten Machen­müs­sens befreit als Män­ner und Frau­en zum Woh­le des Gan­zen ein­zu­brin­gen. Das ist eine fröh­li­che Visi­on, die theo­re­tisch toll, prak­tisch obso­let ist. Man­cher­orts sage ich da jeden­falls ver­ti­ka­le und hori­zon­ta­le Frus­tra­tio­nen voraus.

Dann haben wir noch die Ver­pflich­tung auf die Nach­hal­tig­keit, also anspruchs­vol­le inter­na­tio­na­le CSR und Com­pli­an­ce, sowie eine Ener­gie­wen­de im Zei­chen von Kli­ma­schutz, der von Gre­ta getrie­ben die Öffent­lich­keit elek­tri­siert, was man­ches teu­rer macht. Ins­ge­samt sind zu vie­le dicke Bäl­le in der Luft. Legen Sie wel­che ab.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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