Aus­ga­be 5/6 • 2014

Traum eines bra­ven Bürgers 

Editorial

Sam­mel­su­ri­um aus den Nach­rich­ten unse­rer Zeit
Die Jah­re sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sie wer­den immer kür­zer, zumin­dest gefühlt. Außer­dem ver­lie­ren sie an Erin­ner­bar­keit. So, als ob bei aller Erleb­nis­fül­le, die uns täg­lich auf tau­send Ka­nälen zuteil wird, ein dau­ern­der »Over­kill« herrscht, der ver­hin­dert, dass wir uns unter dem Trom­mel­feu­er der Mit­tei­lung von Kata­stro­phen, Ter­ror, Ver­wir­ren­dem, Unglaub­li­chem und Skan­da­len noch auf uns selbst besin­nen. Wir sind im Zugriff der Medi­en, zumal der digi­ta­len Welt, wider Wil­len zu pas­si­ven, schlech­ten Kon­su­men­ten ver­­kom­men. Dabei wie­der­ho­len sich die Din­ge im Kern bis zur Unun­ter­scheid­bar­keit, oft an den­sel­ben Orten und mit den­sel­ben Ak­teuren. Inso­fern bleibt es rät­sel­haft, war­um wir seit einem hal­ben Jahr­hun­dert tag­täg­lich in Wort und Bild aus dem nahen Ori­ent erfah­ren, dort sei man in Sachen Paläs­ti­na um Frie­dens­ver­hand­lun­gen be­müht. In Anbe­tracht der offen­ba­ren Wahr­heits­wid­rig­keit der sich selbst erneu­ern­den Mel­dung ein sinn­frei­es Ritu­al, bar jedes Nach­rich­ten­werts. Das­sel­be gilt für die »Long term Hot­spots« in Afgha­ni­stan und im Irak mit ihren schreck­lich ver­stö­ren­den Selbst­mord­at­ten­ta­ten sowie für diver­se wei­te­re Schau­plät­ze auf der Welt, die sich in Dau­er­kri­sen ohne Dyna­mik befin­den, und die hier alle auf­zu­zäh­len nicht hilft. War­um nur soll man das aber wis­sen? Vor wel­cher Instanz legen wir dies­be­züg­lich jemals einen Fak­ten­re­me­mo­rie­rungs­test ab? Ein ande­rer Aspekt betrifft die Art und Wei­se der Bericht­erstat­tung. Was inter­es­siert die Sen­der und was die Redak­tio­nen und was trägt dies zur Mil­de­rung von unsäg­li­chem Leid bzw. zur Lösung erns­ter Pro­ble­me bei? Statt auf­klä­rend zu wir­ken, indem die Bana­li­tät des Bösen in sei­ner gan­zen Nie­der­tracht dar­ge­stellt und ent­larvt wer­den wür­de, dient das Scho­ckie­ren­de zur emo­tio­na­len Nabel­schau. Wir wer­den unfrei­wil­lig rund um den Glo­bus Zeu­gen von Ver­zweif­lung, Trau­er und Tod, ohne eine Chan­ce zu haben, auch nur irgend­ei­nem Betrof­fe­nen, sei es aktu­ell in der Ukrai­ne, in Syri­en oder auf dem Mit­tel­meer, auch nur für einen Augen­blick sei­ner Wahr­neh­mung als unbarm­her­zig geschun­de­ne Krea­tur gerecht zu wer­den. Alles ist als Men­ge und Mas­se meist gleich ins Hun­dert­fa­che gesteigert.Wenden wir uns der Wirt­schaft zu. Auch hier gibt es Dau­er­bren­ner­the­men, die es eher weni­ger ver­nünf­tig anhal­tend zur Beach­tung schaf­fen. Dass Grie­chen­land zah­lungs­un­fä­hig ist, braucht kein Mene­te­kel. Dass die­ser Umstand wie­der­um häss­li­che Ver­lus­te in den Büchern der europhi­len Kre­dit­ge­ber schreibt, wenn nicht mor­gen, dann halt über­mor­gen, ist eben­falls kei­ner Erör­te­rung wert. Dass Irland, Por­tu­gal und Spa­ni­en über den Berg sei­en, bloß weil sie nun nicht mehr unter dem Ret­tungs­schirm sind, taugt nicht ein­mal zu einer schlech­ten Legen­de. Dass Ita­li­en sich zukunfts­fä­hig refor­miert, ist so wahr­schein­lich wie die Wie­der­auf­er­ste­hung Cae­sars in Rom. Dass Frank­reich auf Sicht in die Gän­ge kommt, glaubt nie­mand, der die Wider­stands­kraft der »Gran­de Nati­on« auch im Inne­ren kennt. Groß­bri­tan­ni­en hat Lon­don zu einer ein­zi­gen vir­tu­el­len Finanz­fa­brik ver­baut, wäh­rend die klas­si­sche Indus­trie kei­ne tra­gen­de Rol­le mehr spielt. Und wir? Wir hal­ten uns neu­er­dings mit AfD und PEGIDA auf, so als spie­le in den Köp­fen krau­ser Zeit­geis­top­fer und gelern­ter Que­ru­lan­ten die Musik. Den Islam, der da bevor­zugt von Rent­nern und Haus­frau­en abge­wehrt wer­den soll, gibt es nicht als bun­des­be­droh­li­ches Phä­no­men. Was es gibt, sind radi­ka­le Split­ter­grup­pen, die als ver­bohr­te, gewalt­be­rei­te und gewalt­tä­ti­ge Akti­vis­ten ande­ren Zustän­dig­kei­ten unse­rer Ord­nung unter­fal­len. Und über­haupt: Popu­lis­mus zeigt kei­ne Zukunft auf, son­dern ist in der Regel nur dazu da, Ver­lie­rer und Ver­lo­re­ne schein­bar zu ver­trös­ten. Gera­de die aber hät­ten Bes­se­res ver­dient. Abge­se­hen davon, ist Herr Pro­fes­sor Lucke ein klu­ger Mann mit einem klei­nen Selbst­ver­mitt­lungs­pro­blem. Letz­te­res ist bei Herrn Edathy groß. Auch bezüg­lich sei­ner Per­son bin ich aus­drück­lich für weni­ger Befas­sung dank­bar. Bleibt noch Putin. Er möge sich 2015 mäßigen.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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