Aus­ga­be 3/4 • 2014

Wie die Alten sungen

Editorial

Ein­tracht schaf­fen mit unideo­lo­gi­schen Waffen
Die Welt ist aus den Fugen. Brand­her­de allent­hal­ben. »Fai­led sta­tes« und fun­da­men­ta­lis­ti­sche Eife­rer, deren Anfüh­rer alles ande­re im Sinn haben, nur kei­ne Reli­gi­on. Anar­chie, Cha­os, Flücht­lings­elend, vie­hi­sche Gewalt. Nach­dem wir nach dem elf­ten Sep­tem­ber 2001 wie aus dem Nichts von Prä­si­dent Geor­ge Bush von »Al-Quai­da« (deutsch: »Fun­dament«) hör­ten, dem neu­en Schre­cken des Pla­ne­ten, ken­nen wir inzwi­schen je nach Schlacht­feld »Boko Ha­ram« (»Bücher sind Sün­de«), »Al-Shaa­bab« (»Bewe­gung der Mud­sch­a­hi­din-Jugend«) und die un­vor­stellbare Stei­ge­rungs­form ISIS oder IS (»Isla­mi­scher Staat«). Was bit­te soll das alles sein? Wes­sen Inter­es­sen wer­den hier von wem in wes­sen Namen betrie­ben? Wer steckt dahin­ter, wer agiert und wer profitiert?Diese Fra­gen sind im Zeit­al­ter der angeb­li­chen Total­in­for­ma­ti­on kaum mehr zu beant­wor­ten. Die Nach­rich­ten und Deu­tun­gen, die öffent­lich in Umlauf sind, zeich­nen sich durch Oberfläch­lichkeit und Wider­sprü­che aus. Übrig bleibt, dass die­se Din­ge, die wir nicht für denk­bar hal­ten wol­len, gesche­hen, und zwar mit Macht. Wenn wir aber nicht mehr erken­nen kön­nen, wel­che Ursa­chen wel­che Wir­kun­gen haben, ist es mit ratio­na­ler Welt­be­trach­tung vor­bei. Für Poli­tik und Wirt­schaft heißt das, dass Unsi­cher­hei­ten auf­ge­zo­gen sind, die Han­del und Wan­del mons­trös behin­dern. Dazu zählt im klei­ne­ren Maß­stab auch der Ukrai­ne-Kon­flikt, bei dem man sich als gedien­ter Euro­pä­er fragt, war­um Putin, her­zen­s­kalt, nicht vor Wochen schon den Zeit­punkt fand, um die stra­te­gisch völ­lig unsin­ni­gen Schar­müt­zel zu been­den? Auch hier aber ist Desta­bi­li­sie­rung ein Ziel. Dies­mal nicht im Namen Got­tes, son­dern mit natio­na­ler Ambi­ti­on. Ein ande­rer gefähr­li­cher Grund, der in der Geschich­te der Mensch­heit kaum Gutes zu Wege brachte.

Im noch viel klei­ne­ren Maß­stab und glück­li­cher­wei­se völ­lig unkrie­ge­risch ist auch die AfD damit befasst, eine gro­ße Ord­nungs­idee, die zugleich eine gro­ße öko­no­mi­sche Marktidee und eine gro­ße pazi­fis­ti­sche poli­ti­sche Idee ist, zu kon­ter­ka­rie­ren. Rich­tig ist, dass der Euro nicht das ist, was uns ein­mal ver­kün­det und ver­spro­chen wur­de. Die Ein­heits­wäh­rung wur­de sei­ner­zeit schon gebraucht, um die galop­pie­ren­den Ver­schul­dungs­stän­de der Mit­glieds­staa­ten der EU zu kaschie­ren. Und seit­her ist noch viel mehr pas­siert, um das Ver­trau­en in die Soli­di­tät der klei­nen Schei­ne, die Mario Draghis Unter­schrift zie­ren, zu erschüt­tern. Der Zug fährt unge­bremst in die fal­sche Rich­tung. Dar­an ändern auch die küh­nen Klimm­zü­ge selbst­ver­lieb­ter Volks­wir­te nichts, die uner­müd­lich sind, andau­ernd Hoff­nungs­schim­mer für irgend­wel­ches Wachs­tum zu er­kennen, das ver­gli­chen mit frü­her kei­ne Sub­stanz mehr hat und zudem auf Pump zustan­de kommt. Das Resü­mee ist recht ein­fach: Die Sta­tis­ti­ken, die wir ken­nen, sind zeit­ge­mäß virtuell.

Bei alle­dem geht es weit weni­ger um die Insti­tu­ti­on des Euro und um sei­ne Nord-Süd-Effek­te als um die Oppor­tu­ni­tä­ten und die tie­fe­ren Moti­ve, die ihn einst als ein­zi­gen Vor­teil beschrie­ben. Die Mise­re beginnt hier. An die­sem Irr­glau­ben wird die AfD spä­ter schei­tern. Sich zu­­rück­zuziehen in eine men­ta­le Wagen­burg des natio­nal­öko­no­mi­schen 19. und 20. Jahr­hun­derts, ist falsch gedacht. Bloß dass Soli­da­ri­tät wohl­ver­stan­den auf Wer­ten basiert. Sie ist kei­ne, wenn sie sich auf gemein­sa­me Staats­an­lei­hen beschränkt, die nur eine wei­te­re Eska­la­ti­ons­stu­fe sind, nicht aber Gerech­tig­keit will, bezüg­lich der Bür­ger, die in den star­ken und schwa­chen Län­dern Steu­ern zah­len. Wenn jedoch nicht mehr wirk­lich mehr ent­steht, was als zuneh­men­der Wohl­stand ver­teilt wer­den kann, muss man sich Gedan­ken machen, wie weit man die Sche­re noch öff­nen will. Wir kön­nen glo­bal Regime je nach Nut­zen gut oder böse fin­den und uns über ma­ro­dierende Mör­der­ban­den ent­set­zen oder nut­zen­neu­tra­le Nor­men betrei­ben. Das ist die Leh­re aus dem Miss­brauch des Islams. Tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt hat allen Men­schen zu dienen.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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