Aus­ga­be 1/2 • 2018

Wird dann wie­der umgedreht…

Editorial

Alles auf ein­mal und nichts mehr als es muss
Der schlimms­te Vor­wurf, den man der poli­ti­schen Füh­rung eines Lan­des machen kann, das sich durch unauf­halt­sa­men Fort­schritt im Zuge dau­ern­der Inno­va­tio­nen defi­niert, ist, es ver­än­de­re sich nicht. Es tre­te bereits unver­tret­bar lan­ge auf der Stel­le, sei weder jung noch frisch und füh­le sich an, wie in einer blei­er­nen Zeit. Das ist das Para­dox, unter dem Frau Mer­kel, aber auch der euro­päi­sche Gedan­ke, lei­den. Sie ist kon­ser­va­tiv, bei aller Offen­heit und Neu­gier auf das Künfti­ge. Sie ist ein eige­ner, frei­er Geist, der sich auf Prin­zi­pi­en stützt, mit einer star­ken libe­ra­len Ader und der aus­ge­präg­ten Gabe, Tole­ranz zu üben, auch wenn dies oft nicht so wirkt, so dass ihr das Gegen­teil vor­ge­hal­ten wird, näm­lich eng­stir­nig und unnach­gie­big bis zur Starr­heit zu sein, mit­un­ter wie die Sphinx nicht zu deu­ten, aber auch unstet und fah­nen­haft in allen mög­li­chen Win­den, weder fest­zu­le­gen noch gut zu grei­fen halt. Ein ver­rät­sel­ter Cha­rak­ter also, der unklar klam­mert an Gewe­se­nem, wä­h­­rend er Ver­än­de­run­gen kei­nen Wider­stand ent­ge­gen­setzt, sofern sie mäch­tig und for­dernd wer­den. Jemand, der fest in sei­nem Wesen ist, jedoch Mehr­hei­ten folgt.Die arme Dame, deren Arbeits­pen­sum und Ver­ant­wor­tung im Umgang mit nicht ganz ratio­na­len Poten­ta­ten und unlie­ben Par­tei­freun­den kein ver­nünf­ti­ger Unter­neh­mer woll­te, soll­te lie­ber irgend­wie anders sein als sie ist. Sie möge doch bit­te mehr Klar­heit in der Füh­rung, mehr Angreif­bar­keit und mehr Emo­tio­nen zei­gen. Dann wer­de vie­les noch bes­ser. Bloß was? Haben wir denn nicht fast alles, was man haben kann? Eine gro­ße, schlim­me Geschich­te, eine Wirt­schaft von abso­lu­tem Welt­for­mat, Kunst, Kul­tur, Wis­sen­schaft und Sport auf schö­nem Niveau, Ideen, Lei­stungen und Lösun­gen, Lebens­chan­cen, eine weit­hin intak­te, gepfleg­te Natur, eine fried­li­che, freund­li­che Gesell­schaft, ordent­li­che Infra­struk­tu­ren und Wohl­stand für die Enkel Lud­wig Erhards. Jeder kann sei­nen Din­gen fröh­nen, falls er die Zeit und die Res­sour­cen dafür hat. Und trotz­dem scheint uns was zu fehlen.

In die­sem Sin­ne neh­men die Ver­su­che zu, die Kanz­le­rin aufs Alten­teil zu ma­nö­vrie­ren. In man­chen Medi­en gehört es zum Reper­toire, bei jeder Gele­gen­heit da­rauf hin­zu­wei­sen, die Ära Hel­mut Kohls sei in ihrer spä­te­ren Peri­ode ein arges Bei­spiel, dass sich nicht wie­der­ho­len dür­fe. Genug sei genug. Das mache man bereits an den Jah­ren der Regent­schaft, mit­hin am Kalen­der, fest. Frau Ucker­mark hät­te folg­lich zuletzt gar nicht mehr kan­di­die­ren sol­len, sie sei die fal­sche Per­son, um heu­te noch zu regie­ren, was drin­gend regiert wer­den müs­se. In die­sem Zusam­men­hang wird dann ger­ne Herr Macron erwähnt, des­sen Visio­nen in Ber­lin nicht das gebüh­ren­de Echo fän­den. Der jun­ge, dyna­mi­sche Mann lau­fe ins Lee­re, was ihm nicht zuzu­mu­ten sei. Dadurch wer­de Wich­ti­ges ver­säumt. Damit sind wir noch ein­mal bei Euro­pa. Ein kriegs­ge­prüf­ter Kon­ti­nent mit vie­len Men­schen, die ihre Wäh­run­gen, ihre Grenz­kon­trol­len sowie zumin­dest eini­ge Res­sentiments der Väter auf­ge­ge­ben haben, die mit­ein­an­der flei­ßig Han­del trei­ben, die brav in den Nach­bar­län­dern inves­tie­ren, die sich gegen­sei­tig Geld lei­hen und die sich von Nord nach Süd im Urlaub besu­chen, die aber kei­ne supra­na­tio­na­le Iden­ti­tät eint.

Das wäre toll, muss aber nicht sein, so wie man­ches. Daher den­ke ich jetzt nicht an Migra­ti­on, son­dern wün­sche wei­ter­hin anre­gen­de Ambi­va­len­zen und Geschick.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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