Aus­ga­be 5/6 • 2018

Eigent­lich schon…

Editorial

Ein­la­dung, sich nicht im Tages­ge­schäft zu ergötzen
Die­ser Tage bekam ich Post, rich­ti­ge Post, also im Kas­ten. Ein schö­ner, schwe­rer Brief­um­schlag, Nor­mal­for­mat, mit hand­ge­schrie­be­ner Adres­se. Absen­der: Mei­ne Kir­chen­ge­mein­de, preu­ßisch uniert, also refor­miert, heißt evan­ge­lisch. Nun gut. Nicht, dass ich mich als ver­lo­re­nes Schaf bezeich­nen wür­de, aber wir kor­re­spon­die­ren nor­ma­ler­wei­se nicht. Ein spe­zi­el­ler Anlass stand nicht im Raum, dach­te ich zumin­dest. Innen drin eine erle­se­ne Klapp­kar­te mit viel vor­ge­druck­tem Text, unter­schrie­ben von der jun­gen, intel­lek­tu­el­len Pfar­re­rin, die ich ob ihrer kla­ren Gedan­ken sehr schät­ze. Sinn der Sache: Eine per­sön­li­che Ein­la­dung zu einem Got­tes­dienst mit nicht all­täg­li­chem The­ma dem­nächst, so dass sie den­ke, mich als Teil­neh­mer ködern zu kön­nen. Ich dach­te erst­mal uijui­jui, sind wir schon so weit, dass wir ein exklu­si­ves Kun­den­mai­ling machen? War es nicht frü­her so, dass man selbst die Initia­ti­ve ergriff, den Weg zum Haus des Herrn zu suchen und zu fin­den? Zuzu­ge­ben habe ich, dass mei­ne dies­be­züg­li­chen Bestre­bun­gen im Lau­fe der Jah­re nach­ge­las­sen haben, wobei ich mich der Gemein­de und ihren Reprä­sen­tan­ten durch­aus ver­bun­den füh­le. Ich bin weder aus­ge­tre­ten noch auf der Flucht vor reli­giö­sen Übun­gen. Ich mache es wohl eher mit mir sel­ber aus und weni­ger im Rah­men fes­ter Riten. Wür­de ich befragt, näh­me ich Zeit­not in Anspruch, was, auch zuge­ge­ben, nie stich­hal­tig ist, son­dern in aller Regel eine impli­zi­te Ent­schei­dung, ande­rem den Vor­zug zu geben.Jedenfalls ging ich dann hin und traf in einem Kir­chen­schiff von 1910, das für 250 From­me aus­ge­legt ist, auf har­ten Bän­ken, die mir freund­li­cher in Erin­ne­rung waren, knapp 40 Men­schen an, die aller­meis­ten in mei­nem Alter. Außer den dienst­ver­pflich­te­ten fünf Halb­wüch­si­gen, die spä­ter sehr akku­rat eine Bat­te­rie Tee­lich­ter ent­zün­de­ten, kein jun­ger Mensch, kein Paar, kei­ne Kin­der, kein Quer­schnitt durch die bür­ger­li­che und die salon­links­al­ter­na­ti­ve Welt vor Ort. Statt des­sen im Sitz­bild Ver­ein­ze­lung, in der regungs­lo­sen Mimik der klei­nen Men­ge Freud­lo­sig­keit, Rest­routine im Raum, dün­ner Gesang mit drei Stim­men laut, wie gewöhn­lich in drei Tem­pi, von unten kühl und knar­zend. Die Pre­digt sou­ve­rän, Leben und Ster­ben in schwe­ren Wor­ten, aus dem vol­len Vor­rat bibli­scher Ver­se schöp­fend. Es war alles da, aber es blieb fern und meta­mä­ßig. Es stell­te sich nichts ein, obwohl ich wollte.

Auf dem Heim­weg habe ich mir Gedan­ken gemacht, was mich da irgend­wie nicht erreicht, was anders gewor­den ist, in der Aura des Anlas­ses und in mei­ner Hal­tung. An die­ser Stel­le bie­ge ich gedank­lich ab, weil es eigent­lich nur um die Sym­pto­me und um die Ursa­chen geht, war­um etwas, was ein­mal unbe­strit­ten in sei­ner Ange­bots­form war, trotz vor­sätz­li­cher Moder­ni­sie­rung des Redens über den Mar­ken­kern fremd wird, gewis­ser­ma­ßen ernüch­tert und still­schwei­gend sei­ne Attrak­ti­on ver­liert. So ähn­lich geht es bei­spiels­wei­se ja auch gera­de der SPD und so geht es in der Wirt­schaft über­hol­ten Pro­duk­ten und aus der Zeit gefal­le­nen Dienstleistungen.

Als Erklä­rung anzu­bie­ten hät­te ich, dass Stim­mig­keit abhan­den kommt, mehr jeden­falls als Sinn und Nut­zen. In einer Welt, die das Neue, noch nicht Dage­we­se­ne zum Fetisch erklärt, weil die stän­di­ge Erfin­dung ewi­gen Fort­schritt ver­spricht, ver­liert Sta­ti­sches, das sich in sei­ner Bedeu­tung treu blei­ben will, auch wenn es gut ist und zeit­los gebraucht wird, Akzep­tanz. Sein könn­te, dass wir zu gegen­wär­tig sind.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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