Aus­ga­be 4/5 • 2011

Schirm­her­ren neu­er Prägung

Editorial

Selbst­hil­fe zur Deu­tung einer unkla­ren Gegenwart
Wer wis­sen will, was wirk­lich los ist in unse­rem Land und auf der Welt, muss kei­ne Medi­en mehr kon­su­mie­ren. Inter­net, TV und Print ver­wir­ren nur. Er muss auf die Auto­bahn. Dort sind Auf­schwung und Abschwung zuver­läs­sig auf der Kriech­spur zu ver­mes­sen. Die Zahl der LKW zeigt in alle Him­mels­rich­tun­gen an, wie inten­siv der Waren­um­schlag ist. Alter­na­tiv kann man im Ham­bur­ger Hafen sei­nen Seh­test ma­chen. Wenn man von der »Gro­ßen Elb­straße« aus auf der ande­ren Sei­te des Was­sers über den in guten Zei­ten hoch gesta­pel­ten Con­tai­nern noch Luft unter der Köhl­brand­brü­cke hat, feh­len die Men­gen im Markt. Dann ist Sta­gna­ti­on oder schlim­mer. Dann ist das Plus vom BIP in Gefahr. Da hilft lei­der auch kein ifo-Index mehr und kein Kon­sum­kli­ma der GfK. Auch der Ein­kaufs­ma­na­ger-Index aus Chi­ca­go ver­sagt. Dito die Zäh­lung der Erst­an­trä­ge auf Arbeits­lo­sen­hil­fe in den USA. Wenn Sie nachts auf deut­sche Rast­stät­ten ein­fah­ren kön­nen, ohne in die Hecks unbe­leuch­te­ter Trucks zu kra­chen, wis­sen Sie, wel­ches Glöck­chen dem Wachs­tum geleu­tet hat. Nach­dem es 2007 erfor­der­lich war, die Zapf­säu­len durch klei­ne Schnei­sen anzu­schlei­chen, fährt man momen­tan schon wie­der gut schnel­ler als Schritt auf Shop mit Sani­fair-Abtei­lung zu, denn es gibt sie zwar noch, die Prell­bö­cke für PKW. Soweit beru­hi­gend. Doch es sind mit sin­ken­der Ten­denz wie­der weni­ger als zuletzt, was befürch­ten lässt, dass Minis­ter Rös­ler und die Insti­tu­te zu optmis­tisch mit ihren Pro­gno­sen sind.Die Ereig­nis­se der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass sich die pro­fa­ne Pra­xis anschickt, die dem Kapi­ta­lis­mus imma­nen­te Theo­rie der Beherrsch­bar­keit der Steue­rungs­feh­ler der Schul­den­staa­ten die­ser Welt eines Bes­se­ren zu beleh­ren. Wir arbei­ten uns glo­bal auf einen Finanz­kol­laps zu. Ge­nauso wie es leicht war, eine vor Wochen geschlos­se­ne Wet­te zu gewin­nen, dass es undenk­bar ist, in Ame­ri­ka einen Pro­zess gegen Domi­nik Strauss-Kahn zu erle­ben, braucht man auch für ande­re Erwar­tun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen kei­nen »Mas­ter« in Inter­na­tio­nal Law oder Poli­tics oder Eco­no­mics oder sonst irgend­was. Man muss doch nur auf­pas­sen im Leben und bei Bedarf Mus­ter erken­nen, die Ent­schei­dungs­mus­ter zumal. So haben ja auch kei­ne Auf­stän­di­schen in Liby­en Tri­po­lis erobert, son­dern die NATO hat im Zwei­fel mas­siv für Zugang gesorgt. So war es vor rund einem Jahr kei­ne schwe­re Pro­phe­zei­ung, dass der Gold­preis, nach­dem er die Mar­ke von tau­send Euro knack­te, rela­tiv bald auch auf zwei­tau­send Euro stei­gen wür­de. Und – ich zitie­re mich aus­nahms­wei­se selbst – es lag drei Tage nach dem Tsu­na­mi in der Natur der Sache, dass es im armen Japan, im geschun­de­nen Fuku­shi­ma, nicht damit getan sein wür­de, neue Strom­ka­bel an die gebors­te­nen Atom­mei­­ler her­an­zu­füh­ren, son­dern dass die frei­ge­setz­te Dau­er­strah­lung fak­tisch unbe­herrsch­bar ist, mit allen Kon­se­quen­zen für die Men­schen, weiß Gott nicht nur in der nähe­ren Umgebung.

Dass Poli­ti­ker kei­ne Stra­te­gien ver­fol­gen, unter­schei­det sie auch von Unter­neh­mern. Ein tie­fer Sinn, der in der Fer­ne liegt, ist für Man­dats­trä­ger, egal auf wel­cher Hier­ar­chie­stu­fe, kein ver­nünf­ti­ges Ziel. Sie den­ken nicht in Genera­tio­nen, son­dern sind aus falsch ver­stan­de­nen Grün­den eit­ler Selbst­er­hal­tung dem dau­ern­den Klein­klein ver­pflich­tet, und zwar stets der größ­ten Sensa­tion im Tages­ge­schäft. Daher las­sen sie sich auch von der Laut­stärke bestimm­ter Mel­dun­gen und von nur ver­meint­lich Wich­ti­gem trei­ben. Sie arbei­ten schlech­te Ereig­nis­se ab, die min­des­tens zur Hälf­te vor­her­seh­bar sind, da sie das schlech­te Fol­ge­er­eig­nis immer in sich tra­gen. Wenn es kurz­at­mig wie­der ein­mal für die nächs­te Etap­pe des noto­ri­schen Trou­ble-Shoo­tings reicht, will man das dem Wahl­volk als rei­fes Manage­ment ver­kau­fen. Im Busi­ness wäre das quä­len­de Ad-hoc-Gerum­pel ein Grund, sofort eine neue Geschäfts­lei­tung zu instal­lie­ren. Was kommt? Infla­ti­on ist ein The­ma der nächs­ten Zeit. Schaf­fen Sie wei­ter blei­ben­de Werte!

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

Scroll to Top Cookie Consent mit Real Cookie Banner