Aus­ga­be 3 • 2011

Klei­ne Geschen­ke erhal­ten die Freundschaft

Editorial

Wäh­rungs­schwä­che und grü­ne Gesellschaftsspiele
Deutsch­land hat sei­ne letz­te gro­ße sou­ve­rä­ne Ent­schei­dung getrof­fen, so scheint es jeden­falls: Der Aus­stieg aus der Atom­ener­gie wird unse­re Repu­blik nach­hal­ti­ger ver­än­dern, als nach­hal­tig sein kann. Der neue Main­stream im Kanz­ler­amt ist aber lei­der angst­ge­trie­ben, wie über­haupt Angst der neue star­ke Impuls­ge­ber natio­na­ler und supra­na­tio­na­ler Kon­zes­sio­nen ist. Wir haben in der Finanz­kri­se durch die Spra­che unse­rer Poli­ti­ker gelernt, dass das Fal­sche im Hin­blick auf die angeb­li­che Ret­tung maro­der Ban­ken rich­tig ist, wenn man nur genug Furcht vor den Kon­se­quen­zen des Rich­ti­gen hat. Man schlägt mut­los kei­ne Schlach­ten gegen droh­ge­bär­di­ge Geg­ner mehr, die ver­lust­reich zu wer­den dro­hen, weil man den Krieg nicht ver­lie­ren will. Tat­säch­lich aber, und dafür braucht es kei­nen Clau­se­witz, ist die­se Feig­heit vor dem Feind der Anfang vom Ende. Die Welt­re­gie­rung liegt längst in den Hän­den der Märk­te, zumal der des Kapi­tals. Das ist nicht gut, weil sich hin­ter die­ser omi­nö­sen Kraft nur eine Chi­mä­re ver­birgt. Was pas­siert denn wirk­lich, wenn die Akteu­re blu­ten, die den Pla­ne­ten zu Tode spe­ku­lie­ren? Jeden­falls nicht so viel, wie ihr ver­ba­les Säbel­ras­seln ver­hei­ßen soll. Die gröbs­ten Effek­te, die Klein­ak­tio­nä­re und Klein­an­le­ger tref­fen, nimmt die Staa­ten­ge­mein­schaft auf Rech­nung. Der Löwen­an­teil der im Ban­ken­sek­tor und sei­nen tief­ge­staf­fel­ten Struk­tu­ren gebuch­ten Luft ver­pufft, und zwar zum Nach­teil der rück­sichts­lo­ses­ten Pro­fi­teu­re. Wenn es schließ­lich ein paar »Play­er« weni­ger gibt, sind mit ihnen auch ein paar Gefah­ren für das Gemein­we­sen gestorben.Nach dem Sün­den­fall mit der HRE wird nun der nächs­te Para­die­s­ap­fel an der Akro­po­lis ver­speist. Jeder Unter­neh­mer weiß, dass Plei­ten heil­sam sind, weil sie zunächst ein­mal gra­vie­ren­de Feh­ler kor­ri­gie­ren. Der Bank­rott als sol­cher ist nicht schön, aber das ist auch nicht die Fra­ge. Er ist ein Vater des Risi­kos. Er mag durch­aus hef­tig sein, aber er begrenzt wach­sen­den Scha­den. Wir haben uns jedoch im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung dar­auf ver­stän­digt, nur noch Chan­cen zu ken­nen, wobei wir auf der Haf­tungs­sei­te durch die Sozia­li­sie­rung roter Bilan­zen alles dafür tun, dass es für ver­meint­lich sys­tem­re­le­van­te Geld­sau­ger bloß noch Gewin­ne gibt. Hier gehen die will­fäh­ri­gen Repa­ra­teu­re in der EU, in der EZB, in Paris und Ber­lin zu weit. Die Kon­struk­ti­on gigan­ti­scher Garan­tie­fonds ist nicht das Pro­blem. Das Sys­tem ist das Pro­blem. Die Ame­ri­ka­ner sind hoff­nungs­los über­schul­det. Die Japa­ner. Die Grie­chen. Wir sind es auch.

Bei alle­dem tun mir die Grü­nen leid. Ihnen wird mit der beschlos­se­nen Ener­gie­wen­de ihr be­stes Mo­bilisierungsthema genom­men, wobei es scheint, als bemer­ke dies nie­mand. Die Par­tei wird sich bald neu erfin­den müs­sen, auf ihrem Weg in die Mit­te des Spek­trums. Die Vor­tei­le lie­gen lang­fris­tig bei der CDU, die Nach­tei­le bei der SPD. Sie kommt unter Sieg­mar Gabri­el nicht in der Gegen­wart an. Die Män­ner und Frau­en der frü­he­ren Anti-Kern­kraft-Frak­ti­on wer­den die längst ver­bli­che­ne Arbei­ter­kul­tur der Roten mit moder­nen Mus­tern über­for­men, weil sie den Weg in die fami­li­en­ori­en­tier­te Senio­ren­re­pu­blik, der uns durch demo­gra­phi­schen Wan­del bevor­steht, für jung und alt als men­scheln­des Genera­tio­nen­the­ma gestal­ten. Herr Kret­sch­mann, der wacke­re Minis­ter­prä­si­dent Baden-Würt­tem­bergs, ist in der Ganz­heitlichkeit sei­ner Per­son inso­fern Vor­bo­te und Nach­hut zugleich. Er ver­tritt erkenn­bar kei­ne Kli­en­tel­in­ter­es­sen, son­dern authen­tisch jeder­mann, der sich auf Prin­zi­pi­en der prak­ti­schen Ver­nunft ver­steht und gewis­se Sehn­sucht nach geord­ne­ten, natür­li­chen Lebens­um­stän­den hat. Die­sen Typus eines bür­ger­li­chen Garan­tie­ge­bers gab es zuletzt in der Nach­kriegs­zeit. Damals namens Kon­rad Ade­nau­er. Der Rhein­län­der war »all in one«. Ein Prag­ma­ti­ker vor dem Herrn und daher für vie­le zustim­mungs­fä­hig, auch jen­seits sei­nes Lagers. Ähn­lich nur noch Hel­mut Schmidt, der Ana­ly­ti­ker, aller­dings eher nach der akti­ven Zeit. Frau Mer­kel fehlt hier manches.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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