Aus­ga­be 4/5 • 2009

Baye­ri­sche Logik

Editorial

Absichts­er­klä­run­gen der Ber­li­ner Kassenverwalter
Der tolls­te rhe­to­ri­sche Rohr­kre­pie­rer unse­rer Tage ist der unsäg­li­che Satz von den Kin­dern und Kin­des­kin­dern, denen wir unmög­lich die Schul­den hin­ter­las­sen dürf­ten, die wir seit so vie­len Jah­ren machen. Kaum ein Kon­ser­va­ti­ver und kaum ein Libe­ra­ler, aber auch kein Sozi­al­de­mo­krat, kein Grü­ner und kein Lin­ker, der nicht mit sor­gen­vol­ler Mie­ne davon schwa­dro­niert, die­se künf­ti­gen Klei­nen, von denen es ohne­hin noch weni­ger als heu­te geben soll, brä­chen der­einst unter atlas­ar­ti­gen Las­ten zusam­men, die aus hei­te­rem Him­mel über sie kämen wie Pla­gen im Alten Tes­ta­ment. Ins Bild­haf­te über­setzt stellt man sich irgend­wie harm­lo­se Knirp­se in kur­zen Hosen vor, die unter ton­nen­schwe­rem Schul­ter­druck kol­la­bie­ren. Dabei ist die all­seits so belieb­te, rüh­ren­de Meta­pher völ­li­ger Quatsch. Kein Mensch, der die armen, um ihr eige­nes Glück geprell­ten Enkel the­ma­ti­siert, will ihr Anwalt im Ange­sicht der Ewig­keit sein. Ganz im Gegen­teil. Inter­es­sant ist ja schon die Frei­heit, die jeden, der will, offen­bar dazu ermäch­tigt, jun­ge und jüngs­te Genera­tio­nen als unver­tret­bar Leid­tra­gen­de unser aller Fehl­ver­hal­tens zu bewei­nen und zu bekla­gen. Grö­ßer könn­te poli­ti­sche Heu­che­lei kaum sein. Denn nichts weni­ger als der Schutz unschul­dig in die Bre­douil­le gera­ten­der Mädels und Buben von mor­gen ist inten­diert. Der Plan sieht anders aus: Heu­te wird eine fri­vo­le Selbst­ent­las­tung konstruiert.Das fängt damit an, wen man alles auf die­sem Ticket erwischt. Alte Par­tei­gran­den etwa, deren Söh­ne und Töch­ter mit rund 40 Len­zen im Zenith ihrer Leis­tungs­kraft ste­hen, mit­tel­al­te Hin­ter­bänk­ler, die in der Fami­lie daheim im Wahl­kreis Schul­pflich­ti­ge haben, aber eben auch Jung­stars im Par­la­ment, die noch gar nicht in ver­meh­rungs­ori­en­tier­ter Bezie­hung leben, so dass ihr Gebab­bel von den Enkeln, die noch nicht ein­mal gebo­ren sind, sogar das Risi­ko birgt, dass es die­se über­haupt nie geben könn­te. Wer also bit­te ist eigent­lich gemeint? Zwi­schen den rea­len Kin­dern der Alten und den vir­tu­el­len Enkeln der Jun­gen lie­gen hun­dert Jah­re. Eine ver­rä­te­ri­sche Unschär­fe die­ses selt­sa­men Pala­vers, die auf des Pudels Kern ver­weist. Eigent­lich geht es dar­um, die Aus­sa­ge zu machen, dass der heu­ti­ge Zustand kei­nes­falls als »Worst case« gel­ten darf, und zwar unab­hän­gig von der Höhe der Sum­men, die unser Staat auf sei­nem tief­ro­ten Kerb­holz hat. Die Lage ist ernst, aber lan­ge noch nicht aus­sichts­los. Wir haben unse­re Gegen­wart im Griff. Das ist ein­deu­tig eine gute Nach­richt, die sich in der düs­te­ren Pro­phe­zei­ung ver­birgt. Und dar­an hal­ten wir uns auch. Das schau­ri­ge Gru­seln, Gott sei Dank eben nicht der Gna­de viel spä­te­rer Geburt zu unter­fal­len, mag unse­re Lebens­lust befeu­ern. Schließ­lich kauft die abge­dro­sche­ne Phra­se mit ihrem dreis­ten »spä­ter, spä­ter, spä­ter« Zeit. Inso­fern haben wir es nur mit schein­ba­rer Sor­ge um Kon­se­quen­zen unse­res Han­delns zu tun.Implizit spre­chen wir uns also ein­ver­nehm­lich die Erlaub­nis zu, wei­ter zu machen wie bis­her. Offen­bar ist es noch gar nicht rich­tig schlimm mit den ver­prass­ten andert­halb Bil­lio­nen, mit der gran­di­os geschei­ter­ten Haus­halts­kon­so­li­die­rung, mit dem wei­te­ren Finan­zie­rungs­be­darf in und nach der gro­ßen Kri­se. Die Gewis­sen tun zwar ihre Pflicht, indem sie mah­nen, dass über der laxen Gesell­schaft, die wir in per­ver­tier­tem »Wohl­stand für alle« prä­fe­rie­ren, Plei­te­gei­er krei­sen, aber wir schwei­gen das bit­te­re Ende, für das wir selbst zu haf­ten haben, kol­lek­tiv still. Indes­sen wäre auch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Ver­schie­bung des fina­len Kas­sen­stur­zes auf den Sankt Nim­mer­leins­tag einen Betrug an den Leis­tungs­trä­gern begrün­det, die mit treu gezahl­ten hohen Steu­ern und Abga­ben und mit ihrer teu­ren Daseins­vor­sor­ge im Zei­chen von Eigen­ver­ant­wor­tung tap­fer auf Ver­mö­gens­bil­dung und Kon­sum ver­zich­ten. Unse­re Gesell­schaft ist bei aller Umver­tei­lungs­ma­nie von oben nach unten und von unten nach oben unso­li­da­risch mit dem Mit­tel­teil gewor­den. Wir soll­ten uns bald, bes­ser sofort besinnen.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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