Aus­ga­be 3 • 2009

Respek­ta­ble Ahnengalerie

Editorial

Neue Unver­bind­lich­keit in geschäft­li­chen Dingen
Wenn man frü­her mit einem Per­spek­tiv­kun­den einen Besuch ver­ein­bar­te, um sich nach gewis­sem Vor­lauf ken­nen­zu­ler­nen, war das die hal­be Mie­te, um einen Auf­trag auf den Weg zu brin­gen oder zu erlan­gen. Man hat­te sei­ne Haus­auf­ga­ben gemacht, war gut vor­be­rei­tet und vor allem fokus­siert. Der Begeg­nungs­zweck stand impli­zit fest. Der aner­kann­te Auf­wand, sei­nen Schreib­tisch für einen aus­wär­ti­gen Ter­min zu ver­las­sen, um höchst­selbst zu antech­am­brie­ren, war eine beloh­nungs­taug­li­che Sache. Der Hand­shake nach Tele­fo­na­ten und Brief­ver­kehr mar­kier­te einen belast­ba­ren Fort­schritt in den bila­te­ra­len Bezie­hun­gen, der sich, wenn schon nicht gleich, dann bald in Umsatz zeig­te. Der bei­der­sei­ti­ge Vor­satz zur Zusam­men­ar­beit mani­fes­tier­te sich in der Bereit­schaft, sich per­sön­lich am einen oder ande­ren Fir­men­sitz ein zwei Stun­den auf­ein­an­der ein­zu­las­sen. Das hat sich geän­dert. War­um das so ist, weiß man nicht.Heute geht es mit dem Ver­ab­re­den ratz­fatz, aber es bedeu­tet lan­ge nicht mehr so viel. Fast so, als ob man Freu­de dar­an hät­te, mobil zu sein und inter­es­san­te Men­schen zu tref­fen. Bloß kommt dabei das Eigent­li­che deut­lich zu kurz. Am Ende des Tages ist die ohne­hin gewal­ti­ge Visi­ten­kar­ten­samm­lung wei­ter gewach­sen, aber es spielt kei­ne brauch­ba­re Musik im Kar­ton. Der Gedan­ken­aus­tausch bestand aus zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Wer­be­blö­cken, die, in rou­ti­nier­te Plau­de­rei ein­ge­bet­tet, die Koor­di­na­ten der bei­den Geschäfts­mo­del­le von Gast­ge­ber und Gast beschrie­ben, natür­lich mit lau­ter Anknüp­fungs­punk­ten, die sich für bei­de Par­tei­en spon­tan erge­ben könn­ten. Der Kon­junk­tiv beherrscht durch­gän­gig den Dis­kurs. Die Stei­ge­rungs­form des absichts­lo­sen Geplän­kels besteht in der Ent­de­ckung gemein­sa­mer Absich­ten, die sich oft auf Drit­te bezie­hen, und in der Erör­te­rung rasch in die Luft gemal­ter Pro­jek­te, die, flüch­tig als Win-win-Situa­ti­on skiz­ziert, hier wie dort zahl­rei­che Vor­tei­le bewir­ken wür­den. Fast scheint es, als ob die men­ta­le Flucht aus der selbst her­bei­ge­führ­ten Kon­kret­heit des sich gera­de Gegen­über­sit­zens in eine nahe, aber vage Zukunft nötig wird, um die defi­ni­ti­ve Fest­le­gung auf den Part­ner zu ver­mei­den. Sich zu ent­schei­den hie­ße ja, Optio­nen zu opfern. Neben­bei fal­len womög­lich noch ein, zwei Dut­zend Namen aktu­el­ler Alpha­tie­re, die jeder in der Bran­che oder sonst­wo­her kennt, und die man natür­lich kürz­lich noch bei ande­rer Gele­gen­heit gehört, gese­hen oder gespro­chen hat. Je nach dem, in wel­cher Pro­mi­nenz­klas­se die­se Herr­schaf­ten ran­gie­ren. Inso­fern bie­ten sich zwei Men­schen Updates ihrer Welt­wahr­neh­mung an.Immerhin gibt es bes­se­re Vari­an­ten des­sel­ben Spiels, die nicht in völ­li­ger Belang­lo­sig­keit enden. Denn eigent­lich erschöpft sich der Sinn des pro­fes­sio­nel­len Mei­nungs­ver­gleichs dar­in, sich mit­ein­an­der bei Kaf­fee und Keks sei­ner selbst zu ver­ge­wis­sern. In einer Zeit, die so dyna­misch ist, dass man Tag für Tag damit ver­brin­gen könn­te, die stän­dig als E‑Mail ein­lau­fen­den neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wün­sche sei­ner Markt­part­ner zu erfül­len, ohne jemals noch zur eige­nen Agen­da vor­zu­drin­gen, scheint es gestei­ger­ten Bedarf zu geben, sich nicht der­ma­ßen fremd bestim­men zu las­sen, zeit­wei­se unge­stört zu sein und wenigs­tens Wich­ti­ges ange­mes­sen reflek­tie­ren zu kön­nen. Mög­li­cher­wei­se also die­nen aus­häu­si­ge Ver­ab­re­dun­gen auch dazu, klei­ne lega­li­sier­te Aus­zei­ten zu neh­men, um mit einem eben­so denk- und dia­loghung­ri­gen Spar­rings­part­ner zu einer Über­prü­fung sei­ner daheim kaum mehr zu Ende zu den­ken­den Auf­fas­sun­gen zu gelan­gen. In der Frem­de ist Gere­de dann kein Mee­ting, son­dern es tut gut.Geschäfte wer­den bei alle­dem immer noch gemacht, aber viel­leicht pro­fa­ner und weni­ger als noch vor weni­gen Jah­ren einer Schritt für Schritt auf­ge­bau­ten Ver­traut­heit und Ver­trau­lich­keit bedür­fend. Ver­bind­lich­keit im Sin­ne einer fes­ten Zusa­ge braucht kei­ne Rei­sen mehr.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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