Aus­ga­be 1/2 • 2010

Kopf­rech­ner Rüttgers

Editorial

Unser Land braucht eine ver­nünf­ti­ge Lobby
Wir wol­len nicht kla­gen, son­dern wir wol­len es sagen, wie es ist: Die Din­ge in Deutsch­land lau­fen aus dem Ruder, und zwar nicht erst seit ges­tern, son­dern seit lan­ger Zeit. Wäh­rend es frü­her beim Roman­ti­ker Cha­mis­so im Sin­ne der gewis­sen Auf­de­ckung einer jeden Mis­se­tat hieß: »Die Son­ne bringt es an den Tag«, ist heu­te rich­tig, in die­se Zei­le das Wort »Kri­se« ein­zu­set­zen. Sie brennt seit 2008 genau­so rabi­at wie sen­gen­de Son­ne alles weg, was die wah­ren Zustän­de ver­schlei­ern will, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf nicht gedeck­te Wech­sel aller Art. Inso­fern hat jetzt man­ches Volk, das gern weit über sei­ne Ver­hält­nis­se leb­te, ein­fach Pech, dass es damit vor­bei sein könn­te. Auf die Finanz­kri­se, die den Kla­bas­ter des Kapi­tal­markts brach­te, des­sen Infarkt nur mit Irr­sinns­sum­men ver­ei­telt wur­de, folg­te die welt­wei­te Wirt­schafts­kri­se, die den Indus­trie­na­tio­nen noch­mals höchs­te Etat­las­ten abver­lang­te. Nun aber dro­hen als jüngs­te Eska­la­ti­on Staats- und Wäh­rungs­kri­sen zu fol­gen, zu deren Pro­lon­gie­rung es kei­ne Plün­der­kas­sen mehr gibt. Armes Island, auch Dein ver­meint­li­cher Wohl­stand war nur eine Eis­skulp­tur. Nach­dem die Göt­ter Grie­chen­land gera­de ver­las­sen, könn­te nach Iren, Ita­lie­nern, Spa­ni­ern, Por­tu­gie­sen auch unser Staat so sehr ins Schwit­zen kom­men, dass er einen Kol­laps kriegt. Im Moment jeden­falls haben wir gera­de noch eine Hand­breit Was­ser unter dem Kiel.Zu reden ist von Schäub­les Schul­den, die nie­mand, der heu­te lebt, jemals zurück­zah­len wird, und zu reden ist davon, dass es kei­ne ein­zi­ge Zukunfts­fra­ge unse­rer Gesell­schaft gibt, von der man ernst­haft glau­ben dürf­te, dass sie einer klu­gen Beant­wor­tung zuge­führt wür­de: Die Genera­tio­nen­ge­rech­tig­keit nicht, das Gesund­heits­we­sen nicht, die Ren­ten­ver­si­che­rung nicht, die Arbeits­lo­sig­keit nicht, die Bil­dung nicht, die Bür­ger­rech­te nicht und auch nicht die neue Bun­des­wehr, von der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie ganz zu schwei­gen, die als Beu­te anma­ßen­der Par­tei­en der Pein­lich­keit ver­fällt. Die his­to­risch seit den 70er Jah­ren gewach­se­ne Hal­de all jener Pro­ble­me, die man mit immer neu­em Steu­er­geld sedier­te, anstatt sie haus­halts­kon­form wirk­sam zu lösen, droht durch das hek­ti­sche Auf­häu­fen zu vie­ler wei­te­rer Mil­li­ar­den ins Rut­schen zu kom­men und das Regime der so ver­sa­gen­den Regie­run­gen unter sich zu begra­ben. Schlimm ist, dass dies alles scham­los und dilet­tan­tisch unter unse­ren Augen geschieht. Wir Wahl­volk schau­en christ­lich-sozi­al-libe­ral-links-grü­nen Wei­ter­ma­chern dabei zu, wie nach Welt­krieg, Wirt­schafts­wun­der, Wachs­tums­won­nen und Wie­der­ver­ei­ni­gung nun ein Nie­der­riss beginnt, des­sen Insze­nie­rung auf der Ber­li­ner Bun­des­büh­ne und in den sech­zehn Lan­des­thea­tern nicht ein­mal Unter­hal­tungs­wert hat. Es scheint ja inzwi­schen voll­kom­men egal, wer wie unge­eig­net sein ihm stell­ver­tre­tend anver­trau­tes hohes Amt ver­sieht, und was er unter­lässt, solan­ge ihn nicht der Gedan­ke über­mannt, radi­ka­le Umkehr zu ver​lan​gen​.In die­sem Zusam­men­hang scheint es so, als hät­te die­se unwahr­haf­ti­ge Zeit, in der wir leben, die Ten­denz, vor allem die wert­volls­ten Begrif­fe, die in schwie­ri­gen Lagen, die Ent­beh­run­gen und Ver­zicht ver­hei­ßen, zum Durch­hal­ten die­nen, etwa Anstand, Gerech­tig­keit oder Soli­da­ri­tät, zu ent­wer­ten und ihre ehr­wür­di­gen Bedeu­tun­gen gleich mit. So darf jeder, der poli­tisch kor­rekt sein will, unkri­ti­siert so tun, als sei sein Ein­tre­ten für die Kopf­pau­scha­le, für die Pra­xis­ge­bühr oder für die Bes­ser­stel­lung jun­ger Müt­ter von objek­ti­vem Fort­schritts­stre­ben beseelt. Dabei dis­qua­li­fi­zie­ren sich die im Eigen­nutz ihrer Denk­fi­gu­ren gefan­ge­nen Reprä­sen­tan­ten des Sys­tems, indem sie schein­ver­nünf­ti­ge Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen hoch­pa­la­vern, statt die not­wen­di­gen nach­hal­ti­gen Reform­wer­ke auch gegen Kli­en­tel­vor­tei­le zu beschlie­ßen. Tat­säch­lich gibt es die­se Sprach­bla­sen nur, um nichts an der maßsta­b­lo­sen Mit­tel­ver­schwen­dung zu ändern, die uns alles kos­ten kann. Kei­ner denkt im Ernst dar­an, das gro­ße Gan­ze zu bewahren.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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