Aus­ga­be 9/10 • 2011

Glei­ches Recht für alle

Editorial

Teu­re Kli­schees in der heu­ti­gen Kommunikation
Wir haben einen Bun­des­prä­si­den­ten und der hat Pro­ble­me. Zumin­dest wird der Ein­druck erweckt. Es heißt, schlim­me Din­ge sei­en gesche­hen. Dem mag man mit moder­nem Maß­stab nicht fol­gen. Das For­mat der Sache ent­täuscht und reicht nicht für ech­te Ent­rüs­tung. Übrig bleibt der Gedan­ke, ob der Mann auf ande­ren Fel­dern Gro­ßes kann. Moniert wird eine schwa­che Form der Vor­teils­nah­me, immer­hin ein kla­rer Ver­stoß gegen Pflich­ten im öffent­li­chen Amt, die sich nie­mand wünscht. Aber wel­che unrea­lis­ti­schen Phan­ta­sien arbei­ten sich denn hier ab? Erwar­tun­gen der völ­li­gen Makel­lo­sig­keit? Beruf­lich und pri­vat? Nie auch nur einen Hauch von Regel­über­tre­tung in der Bio­gra­phie? Mensch­lich nicht und poli­tisch nicht? Stets und immer nur kor­rekt? Schon als Kind? Nie in ein frem­des Pau­sen­brot gebis­sen? Nie an Zöp­fen gezo­gen? Nie zu schnell gefah­ren und auch nie bei irgend­was gemau­schelt? Kein brauch­ba­res Bild. Obwohl wir es ja so wol­len. Das gibt Anlass nach­zu­den­ken, nicht frei­lich im kon­kre­ten Ein­zel­fall. Sonst müss­te man ja Gut­ten­bergs ver­scho­be­ne Selbst­wahr­neh­mung gegen Ber­lus­co­nis »Bun­ga bun­ga« wägen, um Gren­zen des noch Tole­ra­blen zu zie­hen. So wird das nichts.Zu unter­schei­den ist zwi­schen der ewi­gen Her­aus­for­de­rung, die Maxi­men einer rigi­den Moral, die an sich etwas sehr Wert­vol­les sind, prag­ma­tisch auf den All­tag her­un­ter­zu­bre­chen, und einem unre­flek­tier­ten Idea­lis­mus, der sich in allen Erschei­nungs­for­men von Hand­lun­gen und Cha­rak­te­ren maxi­ma­le Klar­heit wünscht, durch­aus im Sin­ne der Reduk­ti­on von Kom­ple­xi­tät. Aber wir gehen uns mit sol­chen Kli­schees selbst auf den Leim, abzu­le­sen an vie­len Din­gen, die nicht so funk­tio­nie­ren, wie sie eigent­lich gedacht gewe­sen sind, in Unter­neh­men bei­spiels­wei­se bei Stel­len­be­set­zun­gen. Da gibt es bei ordent­li­cher Vor­ge­hens­wei­se natür­lich die pro­fun­den Erfah­run­gen aus der Ver­gan­gen­heit, es gibt aus­ge­fuchs­te Anfor­de­rungs­pro­fi­le, fach­lich und hin­sicht­lich der soge­nann­ten »soft skills«. Es gibt womög­lich Bera­ter, die den Such- und Aus­wahl­pro­zess unter­stüt­zen. Es gibt Zeug­nis­se, Refe­ren­zen und schließ­lich Gesprä­che und doch bleibt ein gerüt­telt Maß an Unsi­cher­heit und es war­ten durch­aus Ent­täu­schun­gen, in und nach der Pro­be­zeit. Es scheint also Haken zu geben, die sich nicht gera­de­bie­gen lassen.

Das liegt dar­an, dass die Sehn­sucht nach Ganz­heit­lich­keit, nach dem voll­kom­me­nen Glück, das ein ande­rer uns kom­plett nach unse­ren Vor­stel­lun­gen bie­ten soll, ganz offen­bar zu hoch greift und dass wir wohl emo­tio­na­le Schwie­rig­kei­ten damit haben, uns von vorn­her­ein mit etwas weni­ger als dem theo­re­ti­schen Maxi­mum zufrie­den zu geben. Wir glau­ben unbe­wusst an die völ­li­ge Opti­mier­bar­keit im Hin­blick auf »Human resour­ces«, weil wir ja wis­sen, dass dies tat­säch­lich im Hin­blick auf wirk­lich wun­der­bar aus­ge­reif­te Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen mög­lich ist, zumal im deut­schen Mit­tel­stand. Das The­ma ist also eine unbe­merk­te Fehl­über­tra­gung eines Prin­zips. In der Rea­li­tät führt dies zu Unzu­frie­den­heit, zu Aggres­sio­nen und in schlim­men Fäl­len zu Sank­tio­nen jed­we­der Art, zu Ent­fer­nun­gen von Pos­ten und zu teu­ren Tren­nun­gen, nur um das Spiel wahr­schein­lich wie­der wie gehabt zu begin­nen. Inso­fern sind zwei­te und drit­te fes­te Bezie­hun­gen, wobei man das ja eigent­lich über Ehen sagt, angeb­lich immer bes­ser als das letz­te Modell, weil die Betei­lig­ten aus frü­he­ren Frus­tra­tio­nen ler­nen. Aber auch das stimmt lei­der nur bedingt. Gefragt ist kei­ne Ver­mei­dungs­stra­te­gie, bekann­te Knall- und Kra­wall­punk­te stumpf zu ver­drü­cken, son­dern die Erkennt­nis, dass weni­ger lei­der mehr ist. Die wirk­lich erfor­der­li­chen Eigen­schaf­ten für eine abso­lu­te Ver­trau­ens­po­si­ti­on, sei es für die CDU im Ber­li­ner Schloss Bel­le­vue, sei es in einer Geschäfts­lei­tung, als Füh­rungs­kraft mit Nach­fol­ge­po­ten­zi­al oder in einer Lebens­part­ner­schaft für die Stun­den von »five to nine«, las­sen sich nur zum Teil öko­no­misch ratio­nal defi­nie­ren. Der Rest ist Anstand und Vernunft.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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