UMAG-03-2012_Cover

Aus­ga­be 3 • 2012

Brav­heit wird belohnt

Editorial

Glau­be, Lie­be, Hoff­nung statt geleb­ter Demokratie
Die jun­gen Leu­te sind ja heu­te immer so begeis­tert, von sich und ihrer digi­ta­len Welt, und man kann sie kaum abbrin­gen davon. Wer auf Face­book ist und twit­tert, hat pau­sen­los alle Hän­de voll zu tun, so dass er kaum noch dazu kommt, sich Gedan­ken zu machen, etwa dar­über, dass er zu die­sen Kin­dern und Enkeln gehört, deren Zukunft den Älte­ren angeb­lich so am Her­zen liegt, die sie gera­de mit Vor­satz ver­früh­stü­cken. Wer men­tal zu viel damit beschäf­tigt ist, sei­ne per­sön­li­chen, meist pri­va­ten Kon­tak­te zu pfle­gen, kann leicht über­se­hen, dass sei­ne Aus­sich­ten in der gesell­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve indes­sen schwin­den. Mei­ne Groß­mutter war dem­ge­gen­über poli­tisch noch geweckt. Sie hat­te jen­seits von Oder und Nei­ße zwar kein Tele­fon, dach­te aber täg­lich an das Gro­ße und Gan­ze. Sie war als akti­ve Stre­se­mann­frau bemüht, die Rah­men­be­din­gun­gen und die Risi­ken ihrer Exis­tenz sowie deren Bedeu­tung für ihre drei Töch­ter zu ver­ste­hen, zu denen ins­ge­samt die Depres­si­on in der Wei­ma­rer Repu­blik, die Ent­mensch­li­chung der Hit­le­rei, Krieg, Flucht aus dem Osten, Revan­chis­mus, Kal­ter Krieg, die Euro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft, das Wirt­schafts­wun­der im Wes­ten, Wil­ly Brandts Ost­po­li­tik und todes­hal­ber lei­der nur nicht mehr die Taten Michail Gor­bat­schows und das Ende der DDR ge­hör­ten. Oma hat zu all die­sen Ereig­nis­sen ihre begrün­de­te Auf­fas­sung gehabt. Sie war mündig.Was ich damit sagen will, ist, dass der nach­wach­sen­den Genera­ti­on, eigent­lich aber uns allen, die wir Bür­ge­rin­nen und Bür­ger eines in jeder Bezie­hung wirk­mäch­ti­gen Deutsch­lands sind, die Teil­ha­be, die Mit­ge­stal­tung durch Einfluss­nahme und die Kon­trol­le der staat­li­chen Pro­zes­se ent­glei­tet. Wir haben zuletzt Ende des ers­ten Drit­tels der gro­ßen Kri­se, näm­lich im Herbst 2009, einen neu­en Bun­des­tag gewählt, der dann zwar schon mit Plei­ten und Pro­ble­men im Ban­ken­sek­tor und mit glo­ba­ler Rezes­si­on beschäf­tigt war, noch nicht aber mit Wäh­rungsturbulenzen, mit Staats­bank­rot­ten und Ret­tungs­schir­men aller Art. Das aber, was seit­her ereig­nis­ge­trie­ben in der EU, zumal in der Euro-Zone, geschieht, stellt die Grund­fes­ten legi­ti­mier­ten Regie­rens in Fra­ge. Da wer­den Sach­zwän­ge kol­por­tiert, etwa akut stark stei­gen­de Re­fi­nanzie­rungs­­kosten klei­ner und mitt­le­rer Län­der mit kri­ti­schem Defi­zit, die dafür sor­gen, dass der Kon­ti­nent wie das Kanin­chen vor der Schlan­ge in leta­le Schock­star­re ver­fällt. Dann heißt es auf höchs­ter Ebe­ne, man müs­se drin­gend etwas tun, um Schlim­mes (das sind die fis­kalischen Fol­gen für die­se Län­der) und ganz Schlim­mes (das sind die Fol­gen der Fol­gen für die­se Län­der für uns) zu ver­hin­dern. Ent­schie­den wer­den die­se fun­da­men­ta­len Din­ge, deren Miss­lin­gen mor­gen schreck­li­cher als der heu­ti­ge Schre­cken ist, im Rah­men von Kon­sul­ta­tio­nen auf höchs­tem Niveau unter Feder­füh­rung der Kanz­le­rin (so wol­len wir es jeden­falls sehen), unter Mit­wir­kung eini­ger Prä­sidenten und Finanz­mi­nis­ter, von Noten­ban­kern und von zwei star­ken Män­nern im Auge des Orkans, den grau­en Emi­nen­zen Bar­ro­so und Juncker. Wir aber, die wir alle die Zeche für die Wohl­ta­ten­de­ckel der letz­ten Dez­en­ni­en in Grie­chen­land, in Por­tu­gal, in Spa­ni­en, in Zypern und in Ita­li­en zum Nach­teil unse­res Volks­ver­mö­gens zah­len, wer­den freund­lich igno­riert. Uns wird gesagt, das mache ja alles nichts. Das vie­le Geld, das uns inzwi­schen bereits durch fast null Zin­sen bei zwei Pro­zent Infla­ti­on ent­zo­gen wird, sei gar kein rich­ti­ges Geld. Da müs­se man sich auch kei­ne rich­ti­gen Sor­gen machen. Fast so, als spie­le man mit den Märk­ten Mono­po­ly. Bloß war­um? War­um nicht Mau-Mau aus der Hand?

Was an der gemein­sa­men Wäh­rung ist hei­lig oder auf gutem Wege dort­hin? Was pas­siert denn wirk­lich, wenn die Gemein­schaft der Gleich­mün­zer klei­ner wird? Man weiß es nicht wirk­lich. Aber man weiß doch auch nicht wirk­lich, was geschieht, wenn wir wei­ter­bür­gen und wir­kungs­los appel­lie­ren. Die Mut­ter mei­ner Mut­ter hät­te gesagt, Lor­bas­sen gebe man nichts.

Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur

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