UMAG_7-8_2007_01_Cover

Aus­ga­be 1/2 • 2008

Koali­ti­ons­ge­plän­kel

Editorial

Von der Ver­flüch­ti­gung der wirk­li­chen Ökonomie
Wer will, lernt gera­de ein neu­es Wort. Es heißt »Real­wirt­schaft«. Wir ver­dan­ken die­se inter­es­san­te Schöp­fung der media­len Nach­be­trach­tung des­sen, was als »Subprime«-Krise in den USA sei­nen Anfang nahm und nun als inter­na­tio­na­le Finanz­kri­se alle paar Wochen Furo­re macht. Ein Phä­no­men, das sich der kon­kre­ten Beur­tei­lung ent­zieht. Zu ver­ste­hen war, dass Men­schen in Ame­ri­ka Hypo­the­ken­dar­le­hen erhal­ten hat­ten, obwohl sie aus eige­ner Kraft kaum in der Lage sein wür­den, sie je zurück­zu­zah­len. Für die Ban­ken lan­ge ein fei­nes Geschäft, mit dem Pfer­de­fuß, dass die kauf­män­ni­sche Vor­aus­set­zung für ein Geschäft fehlt, näm­lich die gute Boni­tät des Schuld­ners. Solan­ge die Prei­se für die unver­dient erwor­be­nen Immo­bi­li­en war­um auch immer stie­gen, hät­te man noch aus den Deals her­aus­ge­konnt, doch die Opti­on ver­pfiff mit der häss­li­chen Markt­wen­de. Übrig blie­ben Bücher mit viel unge­sun­der Luft. Gelack­mei­ert waren jene, die plötz­lich uner­füll­ba­re Schul­den hat­ten, jene, die ihnen eben die­ses Geld gege­ben hat­ten, und jene, die sol­che Leih­vor­gän­ge in Mas­sen auf­ge­kauft hat­ten. Als eigent­li­che Mis­se­tä­ter wur­den dann die nam­haf­ten Rating­agen­tu­ren aus­ge­macht, die dem Quatsch den Segen gaben. Sie hät­ten mer­ken sol­len, dass hier etwas vor­ging, was nicht geht.
So naiv die­se Idee auch ist, dass sich der Brumm­schä­del nach der Par­ty­nacht einen Spiel­ver­der­ber wünscht, der vor dem Suff warnt und ihn unter­bin­det: Rich­ti­ger Kat­zen­jam­mer sieht anders aus. Denn es ist ja trotz eini­ger spek­ta­ku­lä­rer Ein­zel­fäl­le noch nicht viel pas­siert. Kre­dit­in­sti­tu­te mit lau­ter Schwar­ze-Peter-Kar­ten fie­len mit Liqui­di­täts­pro­ble­men auf und muss­ten laut nach Stüt­ze rufen. Man­che Bran­chen­adres­sen suchen not­ge­bo­ren neue Eigen­tü­mer. Der größ­te Teil der Anbie­ter­sze­ne aber hilft sich mit hap­pi­gen Wert­be­rich­ti­gun­gen über die Run­den. Wem der­einst frei­lich kei­ne Steu­er­gel­der blü­hen, dem steht sein dickes Ende bevor. Bei alle­dem wird der Ein­druck erweckt, einer­seits sei zwar mäch­tig etwas schief gegan­gen, ande­rer­seits aber auch nicht. Irgend­wie wur­den gigan­ti­sche Wer­te ver­nich­tet, aber virtuell.Ähnlich ver­hält es sich mit den explo­die­ren­den Roh­stoff­prei­sen. Als die Bar­rels »Brent« und »West Texas Inter­me­dia­te« noch bei 20 Dol­lar lagen, sag­ten die Augu­ren die­ser Welt erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen aller Han­dels­be­zie­hun­gen vor­aus, falls die Prei­se sich ver­dop­peln soll­ten. Heu­te, da sie sich vervier‑, ver­fünf- und ver­sechs­facht haben, sind wir nur noch gespannt, in wel­che schwin­del­erre­gen­den Höhen sie sich noch her­auf­spe­ku­lie­ren las­sen, ohne dass die »Real­wirt­schaft« wie frü­her pro­gnos­ti­ziert kol­la­biert. Ein mög­li­cher Grund für den selt­sa­men Stoi­zis­mus in den Indus­trie­na­tio­nen könn­te sein, dass die meis­ten »Play­er« mit spe­zi­el­len Ver­si­che­rungs­lö­sun­gen Vor­kehr gegen die Risi­ken unse­rer ter­min­bör­sen­hö­ri­gen Zeit getrof­fen haben. Wirk­lich geknif­fen sind die, die es unge­schützt trifft. Daher unlängst auch der Auf­stand vor den Kühl­re­ga­len der Repu­blik, als die Milch­prei­se über­mä­ßig  stie­gen. So immer und über­all im glo­ba­len Dorf, wenn Grund­nah­rungs­mit­tel rasant teu­rer wer­den, ohne dass es die Soja‑, Mais- und Rei­s­preis­rück­ver­si­che­run­gen für jeder­mann gibt.Insofern scheint es tat­säch­lich zwei Öko­no­mien zu geben. Eine, die wie ehe­dem auf Tausch und Kauf von Gütern und Leis­tun­gen beruht, und eine ande­re, die Bro­ker, Fonds­ma­na­ger und Hedge­fonds-Artis­ten betrei­ben, die win­di­ge Papie­re auf die Abs­trak­ti­on von Abs­trak­tio­nen mit unge­wis­sen Kon­se­quen­zen kennt. Bei alle­dem wäre wün­schens­wert, dass Gewin­ne und Ver­lus­te in den jewei­li­gen Sphä­ren ver­blie­ben. Wel­che der bei­den Wel­ten aber ist wofür rele­vant? Hier passt die Lieb­lings­flos­kel des Köl­ner Enter­tai­ners Ste­fan Raab: »Man weiß es nicht so genau.« Kaum ein Wort unse­rer Tage ist trotz und wegen Goog­le und Wiki­pe­dia so wahr.
Bes­te Grü­ße aus Bonn, Ihr Rein­hard Nen­zel, Chefredakteur
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